{"id":298,"date":"2015-08-15T17:09:15","date_gmt":"2015-08-15T15:09:15","guid":{"rendered":"http:\/\/gefluechtet.de\/wp\/?p=298"},"modified":"2018-06-05T22:04:07","modified_gmt":"2018-06-05T20:04:07","slug":"der-17jaehrige-werner-angress-flieht-1937-aus-deutschland","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/gefluechtet.de\/wp\/2015\/08\/15\/der-17jaehrige-werner-angress-flieht-1937-aus-deutschland\/","title":{"rendered":"Der 17-j\u00e4hrige Werner Angress flieht 1937 aus Deutschland"},"content":{"rendered":"<p>Werner Thomas Angress (1920\u20132010)<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> lebte seit Mai 1936 in Gro\u00df-Breesen, einer landwirtschaftlichen Ausbildungsst\u00e4tte der Reichsvertretung der Juden in Deutschland. Im Oktober 1937 musste sein Vater Ernst Angress (1883\u20131943), Inhaber der Privatbank K\u00f6nigsberger und Lichtenhein, sein Gesch\u00e4ft aufgeben und brachte sein Verm\u00f6gen nach Prag. Vermutlich war er durch die neuen Ausf\u00fchrungsbestimmungen des Devisengesetzes vom 16. September 1937<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> unter Handlungsdruck geraten.<\/p>\n<p>Die Mutter Henny Angress (1892\u20131985) und seine j\u00fcngeren Br\u00fcder Fritz Peter (geb. 1923) und Hans Herbert (geb. 1928) waren bereits in London. Werner Angress floh Ende Oktober 1937 nach Amsterdam und weiter nach London, da er andernfalls in Geiselhaft genommen worden w\u00e4re. Der 17-J\u00e4hrige wollte nicht fliehen, sondern in Gro\u00df-Breesen bleiben, wo er Freundschaften gekn\u00fcpft und sich verliebt hatte:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eViel ist mir Breesen, ja alles, auch wenn ich seinen Menschen r\u00e4umlich getrennt bin. [&#8230;] Unfreiwillig verlie\u00df ich Deutschland, unfreiwillig Gro\u00df-Breesen. [&#8230;] Schwer war der Abschied, schwer und hart. Auch ich blieb hart, das erste Mal in meinem Leben. [&#8230;] Breesen ist ja so stark in mir, da\u00df es mir auch in der ferne noch Sinn gibt\u201c.<\/p><\/blockquote>\n<p>Trotz der erzwungen Migration hegte Angress nach eigenen Worten \u201ekeinen Ha\u00df auf Deutschland\u201c, im Gegenteil sprach er von \u201edessen Kraft, Sch\u00f6nheit und St\u00e4rke\u201c. Sein Tagebuch wollte er k\u00fcnftig zur Selbstdisziplinierung nutzen, seine \u201eW\u00fcnsche\u201c, \u201eGedichte\u201c, und \u201eGedanken\u201c darin notieren. Er schloss seinen Eintrag mit der Verweigerung, sich nationalsozialistischer Kategorisierung als nicht-deutsch zu entziehen:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eGerade, ehrlich, treu, hart und Deutsch, allem und allem zum Trotz: Deutsch.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Familie Angress zog 1938 zur\u00fcck nach Amsterdam. 1939 wurde beschlossen, in die USA zu migrieren; die Umsiedlung sollte der 19-j\u00e4hrige Werner vorbereiten. In den USA arbeitet Angress zwei Jahre lang als Apfelpfl\u00fccker und trat dann 1941 in die US-Army ein. Er war als sogenannter\u00a0<a href=\"httpss:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ritchie_Boys\" target=\"_blank\">Ritchie Boy<\/a> bei der Landung in der Normandie sowie an der Befreiung des KZ W\u00f6bbelin beteiligt.<\/p>\n<p>Sein Vater Ernst wurde 1941 in Amsterdam verhaftet und wegen Devisenvergehen verurteilt, er starb 1943 in Auschwitz. Seine Mutter Henny \u00fcberlebte den Krieg in Amsterdam im Untergrund und zog 1947 nach Gro\u00dfbritannien, ihre beiden j\u00fcngeren S\u00f6hne migrierten im gleichen Jahr in die USA.<\/p>\n<p>Nach dem Krieg studierte Angress Geschichte, promovierte und lehrte in Berkeley und New York. 1988 zog er wieder nach Berlin und engagierte sich unter anderem in <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/berlin\/geschichte-live-stell-dich-an-die-wand-sonst-wirst-du-gelyncht\/v_print\/176444.html?p=\" target=\"_blank\">Schulen<\/a> sowie f\u00fcr die Gedenkst\u00e4tte <a href=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/20110719032148\/https:\/\/www.gedenkstaetten-woebbelin.de\/cms\/index.php\/WernerTomAngress.html\" target=\"_blank\">W\u00f6bbelin<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> DOK.310: Der siebzehnj\u00e4hrige Werner Angress schildert am 20. November 1937 seine Flucht aus Deutschland, in: Die Verfolgung und Ermordung der europ\u00e4ischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933\u20131945, Bd.1: Deutsches Reich, 1933\u20131937, M\u00fcnchen 2008, S. 741 f. Alle Zitate ebd.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Reichsgesetzblatt 1937 I, Bl. 1018 f., URL: <a href=\"https:\/\/alex.onb.ac.at\/cgi-content\/alex?aid=dra&amp;datum=1937&amp;page=1124&amp;size=45\">https:\/\/alex.onb.ac.at\/cgi-content\/alex?aid=dra&amp;datum=1937&amp;page=1124&amp;size=45<\/a>, Zugriff: 15. August 2015. U. a. wurden Migranten gezwungen, bis zum 20. Oktober 1937 ihre ausl\u00e4ndischen Wertpapiere anzuzeigen, auch Grundst\u00fccksbesitz sowie Anteilseignerschaften wurden genehmigungspflichtig.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Werner Thomas Angress (1920\u20132010)[1] lebte seit Mai 1936 in Gro\u00df-Breesen, einer landwirtschaftlichen Ausbildungsst\u00e4tte der Reichsvertretung der Juden in Deutschland. 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