{"id":303,"date":"2015-08-16T08:28:48","date_gmt":"2015-08-16T06:28:48","guid":{"rendered":"http:\/\/gefluechtet.de\/wp\/?p=303"},"modified":"2018-06-05T22:04:07","modified_gmt":"2018-06-05T20:04:07","slug":"abschied-von-der-schwester-dita-ruth-maier-ueber-die-abfahrt-eines-kindertransport","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gefluechtet.de\/wp\/2015\/08\/16\/abschied-von-der-schwester-dita-ruth-maier-ueber-die-abfahrt-eines-kindertransport\/","title":{"rendered":"Abschied von der Schwester \u201eDita\u201c. Ruth Maier \u00fcber die Abfahrt eines Kindertransport"},"content":{"rendered":"<p>Die j\u00fcdisch-\u00f6sterreichische Schriftstellerin Ruth Maier (1920\u20131942) wuchs gemeinsam mit ihrer Schwester Judith in Wien auf. Im Dezember 1938 verlies die 16-j\u00e4hrige Judith mit einem Kindertransport Wien in Richtung London. 10.000 Kinder wurden\u00a0\u00fcber die Kindertransporte in Gro\u00dfbritannien in Sicherheit gebracht. Insgesamt flohen\u00a0knapp 20.000 Kinder mit diesen Transporten in den Jahren\u00a01938\/39 in ein europ\u00e4isches Land, in die USA, nach Kanada, Australien oder nach Pal\u00e4stina, <a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>.<\/p>\n<p>Ruth Maier beschrieb in ihrem Tagebuch den Abschied von ihrer Schwester am 11. Dezember 1938<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDita ist weg. Jetzt f\u00e4hrt sie im Zug, auch jetzt, in diesem Augenblick. Sie lacht, sie packt das Essen aus, oder vielleicht hat sie Heimweh.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Der Abschied von der Schwester ist traumatisch: \u201eEine leere Stelle ist jetzt in unserem Heim\u201c, doch die 18-j\u00e4hrige Maier verbietet sich \u201eSentimentalit\u00e4ten, Ruth!\u201c. Auf dem Bahnhof haben sich die vier- bis 17-j\u00e4hrigen Kinder mit ihren Eltern eingefunden und m\u00fcssen Abschied nehmen, auf den Bahnsteig d\u00fcrfen sie ihre Kinder nicht begleiten:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eNur geweint haben sie. Nur Tr\u00e4nen, nichts als Tr\u00e4nen. In einem kleinen H\u00e4uferl ist Dita mit anderen dort gestanden, im Dunkel. Nur ihren wei\u00dfblauen Schal hab ich gesehen. Wie wir vorbeigegangen sind an diesem H\u00e4uflein j\u00fcd. Fl\u00fcchtlinge, da hat sie auf einmal \u201aMama\u2018 gerufen. Und hat gewinkt. An uns sind sie vorbei. Knapp! Noch einen letzten Kuss haben sie sich geben wollen. Dita und Mama. Ganz nah waren ihr Lippen, da hat der Ordner sie auseinandergerissen.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Familie hoffte auf eine bessere Zukunft, denn sie allen besa\u00dfen bereits sog. Affidavits (B\u00fcrgschaftserkl\u00e4rungen f\u00fcr Einwanderer) und wollten nachkommen bzw. gemeinsam in die USA weiterreisen. Doch zuerst musste sie ihre Tochter und Schwester ziehen lassen:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eEs war kalt und na\u00df. Dita ist vorbeimarschiert. Der blauwei\u00dfe Schal hat geleuchtet. Tapfer. Und die Jugend, die wird k\u00e4mpfen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Ruth Maiers Mutter Irma konnte, wie auch ihre Gro\u00dfmutter zu Judith nach England auswandern. Der Vater Ludwig war bereits 1933 verstorben. Ruth sollte in Norwegen das Abitur ablegen und dann nach England kommen, ihr Visum lie\u00df sie, in Norwegen\u00a0angekommen, allerdings aus nicht ganz gekl\u00e4rten Gr\u00fcnden verfallen. Nach der Besetzung Norwegens 1940 konnte Maier das Land trotz mehrerer Versuche nicht mehr verlassen, sie wurde bei einer Razzia 1942 verhaftet und unmittelbar nach ihrer Ankunft in Auschwitz ermordet.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\n<p>Ihr Freundin und Schriftstellerin Gunvor Hofmo (1921\u20131995) bewahrte Maiers Tageb\u00fccher der Jahre 1930 bis 1942 bis zu ihrem Tod auf, 2007 wurden sie auf norwegisch und 2008 auf deutsch publiziert.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Zu den Kindertransporten s. knapp: <a href=\"https:\/\/kindertransporte-nrw.eu\/kindertransporte_fluchtpunkt.html\">https:\/\/kindertransporte-nrw.eu\/kindertransporte_fluchtpunkt.html<\/a>, Zugriff: 15. August 2015. Auf diese Seite finden sich auch Biographien der sogenannten child survivors: <a href=\"https:\/\/kindertransporte-nrw.eu\/lebensgeschichten.html\">https:\/\/kindertransporte-nrw.eu\/lebensgeschichten.html.<br \/>\n<\/a><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Dok.202 Ruth Maier aus Wien beschreibt am 11. Dezember 1938 den Abschied von ihrer Schwester, die mit einem Kindertransport nach Gro\u00dfbritannien f\u00e4hrt, in: Die Verfolgung und Ermordung der europ\u00e4ischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933\u20131945, Bd. 2: Deutsches Reich, 1938 \u2013 August 1939, M\u00fcnchen 2009, S. 561 f. Alle Zitate ebd. Der Text ist auch abgedruckt in Ruth Maier: \u201eDas Leben k\u00f6nnte gut sein.\u201c Tageb\u00fccher 1933 bis 1942, hg. v. Eric Vold, M\u00fcnchen 2011, S. 157\u2013160.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Raimund Wolfert: <a href=\"https:\/\/www.lambdanachrichten.at\/ln108.pdf\">Eine j\u00fcdische Freundin, die sie umgebracht haben<\/a>, lambdanachrichten.at, https:\/\/www.lambdanachrichten.at\/ln108.pdf, Zugriff 15. August 2015.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Maier: \u201eDas Leben\u201c (wie Anm. 2).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die j\u00fcdisch-\u00f6sterreichische Schriftstellerin Ruth Maier (1920\u20131942) wuchs gemeinsam mit ihrer Schwester Judith in Wien auf. Im Dezember 1938 verlies die 16-j\u00e4hrige Judith mit einem Kindertransport Wien in Richtung London. 10.000 Kinder wurden\u00a0\u00fcber die Kindertransporte in Gro\u00dfbritannien in Sicherheit gebracht. 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