{"id":548,"date":"2015-09-08T11:34:05","date_gmt":"2015-09-08T09:34:05","guid":{"rendered":"http:\/\/gefluechtet.de\/wp\/?p=548"},"modified":"2018-06-05T22:03:57","modified_gmt":"2018-06-05T20:03:57","slug":"carl-einstein-1885-1940","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gefluechtet.de\/wp\/2015\/09\/08\/carl-einstein-1885-1940\/","title":{"rendered":"Carl Einstein (1885\u20131940)"},"content":{"rendered":"<p>Mit dem Schreiben \u00fcber prominente Fl\u00fcchtlinge nimmt man in Kauf, das Schicksal all der Namenlosen zu vernachl\u00e4ssigen. Dennoch werfen die einzelnen Fluchtbiografien immerhin ein Schlaglicht auf die verlorenen Geschichten der Vielen. Diesen Beitrag widme ich daher Carl Einstein, einem der fast Vergessenen.<\/p>\n<p>Einstein war Zeit- und Schicksalsgenosse Walter Benjamins, zu dem \u2013 und das ist symptomatisch \u2013 Anna-Lena Scholz <a href=\"https:\/\/gefluechtet.de\/wp\/2015\/08\/19\/walter-benjamin\/\" target=\"_blank\">bereits etwas bei gefluechtet.de geschrieben<\/a> hat. Carl Einstein wurde 1885 in Neuwied geboren.<a href=\"#_edn1\" name=\"_ednref1\">[1]<\/a> Sein Vater war Kantor und j\u00fcdischer Religionslehrer. 1888 zog die Familie nach Karlsruhe, wo Einstein das Gro\u00dfherzogliche Gymnasium besuchte und eine Banklehre begann. Aus der \u201eStadt der Langeweile\u201c<a href=\"#_edn2\" name=\"_ednref2\">[2]<\/a>, bestehend aus Zuchthaus, Schloss und geometrischem Park \u2013 wie er es formulierte \u2013<a href=\"#_edn3\" name=\"_ednref3\">[3]<\/a> tr\u00e4umte sich der Junge mit Hilfe von Karl May, Rimbaud und Wedekind weg. 1903 verlie\u00df er sie. In Berlin studierte er Kunstgeschichte, brach das Studium aber ab und bewegte sich stattdessen in Intellektuellen- und K\u00fcnstlerkreisen.<\/p>\n<p>1912 ver\u00f6ffentlichte er <em>Bebuquin oder die Dilettanten des Wunders<\/em>. Der als \u201eAnti-Roman\u201c konzipierte Text nimmt Dada und Surrealismus vorweg. 1915 erschien mit der <em>Negerplastik<\/em>\u00a0eine Blickfelderweiterung gegen\u00fcber der \u00c4sthetik der sogenannten primitiven Kunst. 1926 brachte Einstein das\u00a0\u00fcberaus erfolgreiche <em>Die\u00a0Kunst des XX. Jahrhunderts<\/em> heraus. Typischerweise oblag die Kunstgeschichtsschreibung der Gegenwart damals den nicht-akademischen Fachvertretern. Als Kunstkritiker mit spitzer Feder begleitete Einstein den Kubismus, Konstruktivismus und Surrealismus und war eine der pr\u00e4genden Figuren der deutschen Kunstszene der 1920er Jahre. Mehr noch als bei Benjamin changiert Einsteins Werk zwischen Literatur und Wissenschaft, anders als Benjamin wurde Einstein aber vergessen.<\/p>\n<p>Die Rezeptionsgeschichte Carl Einsteins zeigt den Zynismus der nachtr\u00e4glichen Bewertung von Fluchtmotiven auf.<a href=\"#_edn4\" name=\"_ednref4\">[4]<\/a> \u00c4hnlich wie bei den Heimatvertriebenen, die aufgrund des b\u00fcrokratisch vollzogenen Aktes der Ausweisung gegen\u00fcber den \u201agemeinen\u2019 Fl\u00fcchtlingen, welche \u201aeinfach nur davonliefen\u2019, bis heute mit dem Anschein des Heroischen behaftet sind, wurde auch der Emigrantenstatus postum lange Zeit ungleich bewertet. Einstein verlie\u00df Deutschland bereits 1928. F\u00fcnf Jahre sp\u00e4ter, 1933, sollte der Weg zur\u00fcck vollst\u00e4ndig versperrt sein. Aus einer Vermutung war Gewissheit geworden. Seine Notizen dokumentieren eindrucksvoll, wie sich Einsteins Schreiben bedingt durch das Ereignis der \u201eMachtergreifung\u201c \u00e4ndert. Zum Unterschied zwischen freiwilligem und erzwungenem Exil \u00e4ndert, das die Sprache verstummen l\u00e4sst, notiert Einstein am 18. Februar 1933:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eich sehe, immer mehr werde ich allein sein. jude, deutschsprechend, in frankreich. jude ohne gott und ohne kenntnis unserer vergangenheit, deutschsprechend, doch gewillt die deutsche sprache nicht wie meine landsleute und gleichzungigen faul und m\u00fcde versacken zu lassen. in frankreich d i ohne leser. ich werde jetzt jeden tag mich kurz mit mir unterhalten; denn seit langem bin ich von gleichsprachigen menschen und buechern g\u00e4nzlich abgeschnitten. nie werde ich in franz\u00f6sischer dichtung zuhause sein; denn ich tr\u00e4ume und sinniere deutsch. Also nun bin ich durch Hitler zu voelliger Heimatlosigkeit und fremdheit verurteilt.\u201c<a href=\"#_edn5\" name=\"_ednref5\">[5]<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Wie wir heute wissen, konnte Frankreich bestenfalls tempor\u00e4r als sicherer Ort dienen. Bereits vor der deutschen Invasion im Juni 1940 wurde Einstein aufgrund seiner Nationalit\u00e4t interniert. Seine Flucht endete f\u00fcr den ehemaligen Brigadier im spanischen B\u00fcrgerkrieg an der Grenze zum Franco-Regime. Wie Walter Benjamin w\u00e4hlte er nach seiner Entlassung den Freitod in den franz\u00f6sischen Pyren\u00e4en. Ob sich die Lebenswege der beiden deutsch-j\u00fcdischen Intellektuellen in Paris oder S\u00fcdfrankreich gekreuzt haben, muss allerdings offenbleiben.<\/p>\n<p>Ein\u00a0erster Selbstmordversuch scheiterte. Offensichtlich lebensm\u00fcde und verzweifelt, beging Einstein wahrscheinlich am 5. Juli Suizid und kam damit seiner ein Jahr zuvor ge\u00e4u\u00dferten Ank\u00fcndigung gegen\u00fcber Daniel-Henry Kahnweiler nach:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eIch wei\u00df, was passieren wird. Man wird mich internieren, und franz\u00f6sische Gendarmen werden uns bewachen. Eines sch\u00f6nen Tages werden es SS-Leute sein. Aber das will ich nicht. Je me foutrai \u00e0 l\u2019eau. Ich werde mich ins Wasser werfen.\u201c<a href=\"#_edn6\" name=\"_ednref6\">[6]<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Prophetisch mutet in dieser Hinsicht auch die Passage aus dem <em>Bebuquin<\/em>, Einsteins Erstlingswerk, an:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eMan mu\u00df den Mut zu seinem privaten Irrsinn haben, seinen Tod zu besitzen und zu vollstrecken.\u201c<a href=\"#_edn7\" name=\"_ednref7\">[7]<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Am 7. Juli gab der Gave de Pau Einsteins Leiche nahe der Gemeinde Boeil-B\u00e9zing preis. Heuer j\u00e4hrt sich Einsteins Todestag zum 75. Mal, das Erscheinen des epochemachenden Buches <em>Die Negerplastik<\/em> w\u00e4hrt 100 Jahre, allein beim 300. Karlsruher Stadtgeburtstag hat man ihn vergessen.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref1\" name=\"_edn1\">[1]<\/a> Zur Biografie siehe: https:\/\/www.carleinstein.org\/biographie.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref2\" name=\"_edn2\">[2]<\/a> \u201eDie Stadt der Langeweile\u201c hei\u00dft das fr\u00fcheste im Nachlass erhaltene Gedicht Einsteins. Wahrscheinlich bezieht sich Einstein auf Karlsruhe. Siehe: Hansgeorg Schmidt-Bergmann, Die Stadt der Langeweile. Carl Einstein und Karlsruhe, in: Spuren 19, November 1992, Umschlagr\u00fcckseite.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref3\" name=\"_edn3\">[3]<\/a> Zitiert nach: ebenda, S. 2.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref4\" name=\"_edn4\">[4]<\/a> Klaus H. Kiefer, Einf\u00fchrung, in: Ders. (Hg.), Die visuelle Wende der Moderne. Carl Einsteins Kunst des 20. Jahrhunderts, M\u00fcnchen, 2003, S. 8f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref5\" name=\"_edn5\">[5]<\/a> Zitiert nach: Schmidt-Bergmann 1992, S. 12.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref6\" name=\"_edn6\">[6]<\/a> Zitiert nach: ebenda, S. 15.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref7\" name=\"_edn7\">[7]<\/a> Carl Einstein: Bebuquin oder die Dilettanten des Wunders, Frankfurt\/Main 1963, S. 49.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit dem Schreiben \u00fcber prominente Fl\u00fcchtlinge nimmt man in Kauf, das Schicksal all der Namenlosen zu vernachl\u00e4ssigen. Dennoch werfen die einzelnen Fluchtbiografien immerhin ein Schlaglicht auf die verlorenen Geschichten der Vielen. 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