Walter Benjamin

Walter Benjamin hätte auch vergessen werden können. Die akademische Karriere gescheitert, die Liebe auch. Ein großer Intellektueller, gewiss, aber was nützt die Klugheit auf zerstreuten Zetteln? Aus Benjamin und seinem fragmenthaften Werk wäre nicht einer der einflussreichsten Philosophen des 20. Jahrhunderts geworden, hätte es nicht Menschen gegeben, die nach seinem Tod energisch, verbissen fast, an seinem Fortleben gearbeitet hätten: Gretel und Theodor W. Adorno, Hannah Arendt, Gershom Scholem. Sie eint die Exil-Erfahrung und das Wissen um die Namenlosigkeit, die nach dem Tod droht – zumal, wenn er sich im Windschatten der Zeitläufte vollzieht, irgendwo in Europa. Die Flucht, zu der sich Walter Benjamin nach vielen Jahren im Exil 1940 durchringen konnte, scheiterte, weil ihm zum Grenzübertritt nach Spanien der richtige Passierschein fehlte. Noch in derselben Nacht nahm er sich in Port Bou das Leben. Arendt kommentierte dies in einem Brief an Scholem: „Juden sterben in Europa und man verscharrt sie wie Hunde.“[1] Für sie blieb Benjamins abgeschiedener Suizid eine direkte Folge des faschistischen Bürokratismus, diesem totalitären „Regime der Verordnungen“, wie sie später in Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft formulierte.[2]

Am 15. Juli 1892 wird Walter Benjamin in Berlin geboren. Die Familie großbürgerlich, jüdisch, deutsch-assimiliert. Er verbringt Studienjahre in Freiburg und Berlin, schreibt – zum Missfallen seiner Familie, die für eine prekäre akademische Existenz nichts übrig hat – eine Dissertation über den Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik. 1917 heiratet er Dora Pollak, wenig später kommt ihr Sohn Stefan zu Welt, schon 1921 zerbricht die Ehe wieder – auch aufgrund der andauernden Zerwürfnisse mit seinen Eltern. In diesen Jahren ist Benjamin reiselustig (Berlin, Paris, Ibiza, Toscana), verliebt sich mehrfach, ist – trotz oder wegen depressiver Phasen – von großer Schaffenskraft. 1925 der Schock: die Universität Frankfurt lehnt sein Habilitationsgesuch ab, die Schrift über den Ursprung des deutschen Trauerspiels. Aufgrund der gescheiterten akademischen Karriere arbeitet Benjamin als freier Autor und Publizist. Er schreibt Rezensionen, kleine Feuilletons, große Essays und Abhandlungen, für die Zeitung und das Radio – auch aus finanziellen Gründen: Die Inflation hat das familiäre Vermögen, und damit das väterliche Erbe, nahezu vollständig aufgefressen. Die großbürgerliche Existenz seiner Familie ist am Ende der Weimarer Republik eine verblassende Erinnerung, die Benjamin später in seinen Miniatur-Prosastücken Berliner Kindheit um 1900 anschaulich und stellvertretend für ein ganzes Zeitalter aufarbeiten wird.

Im März 1933 verlässt Benjamin Deutschland endgültig; die offizielle Ausbürgerung erfolgt 1939. In Paris lebt er am Existenzminimum. Mehrfach zieht er um, in immer billigere, schäbigere Zimmer. Seine Berliner Bibliothek hat er in Dänemark bei Brecht untergebracht. Finanziell hängt er am Tropf des Frankfurter (später in New York stationierten) Instituts für Sozialforschung, für dessen Zeitschrift er im Auftrag (und unter Betreuung) von Adorno und Horkheimer schreibt. Die brieflichen Korrespondenzen, auch mit seinem langjährigen Freund Gershom Scholem in Jerusalem, sind von Zuneigung und gegenseitiger Sorge, aber auch thematischen Auseinandersetzungen und subtilen Sticheleien geprägt. Die finanzielle Abhängigkeit und schlechte Publikationslage zwingen Benjamin zu inhaltlichen Konzessionen und Auftragsarbeiten, die häufig ins Leere laufen. Um Unterhaltskosten zu sparen, reist er immer wieder nach Ibiza und San Remo, wo er in Dora Pollaks Pension kostenlos wohnen kann. Benjamin leidet an der Einsamkeit im Exil. 1935 schreibt er aus San Remo an seine Vertraute Gretel Adorno:

„Ich bin mir gänzlich darüber klar, daß der entscheidende Grund dafür die hiesigen Lebensumstände sind, die unvorstellbare Isoliertheit. Das Abgeschnittensein nicht nur von Menschen sondern dazu von Büchern, schließlich – bei dem ungünstigen Wetter – selbst von der Natur.“[3]

Trotz der widrigen Arbeitsbedingungen ist Benjamin in dieser Zeit ungeheuer produktiv. Es entstehen einige seiner bedeutsamsten Texte: über Franz Kafka und Charles Baudelaire, das Passagenwerk, die Berliner Kindheit um 1900, der Aufsatz Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, die geschichtsphilosophischen Thesen Über den Begriff der Geschichte. Vieles davon bleibt Fragment und ist schon während des Entstehens vom Verlust bedroht. Benjamin weiß das. Einige zentrale Ausführungen, etwa zu Kafka und seinem Kunstwerk-Aufsatz, platziert er daher in den langen Briefen an Scholem und das Ehepaar Adorno, an die er auch alle fertigen Texte schickt. Es gilt das Prinzip: Archivierung zu Lebzeiten. Das Privileg seines Exils besteht allein darin, dass er Paris aus früheren Jahren kennt und die Sprache beherrscht. Zu einer Ausreise nach Jerusalem, wie Scholem ihm mehrfach nahelegt, kann er sich auch deshalb nicht durchringen, weil er kein Hebräisch spricht. Doch heimisch wird er auch in Frankreich nicht. Benjamin bleibt im Exil ein deutscher Gelehrter, arbeitsam und zurückgezogen. Zur Ablenkung liest er Kriminalromane. Gegenüber Scholem deutet er immer wieder Selbstmordabsichten an.

1939 wird Benjamin für drei Monate in einem Internierungslager in Nevers festgehalten, kommt aber wieder frei. 1940 rücken die deutschen Truppen nach Lourdes und Marseille vor; die Flucht aus Europa ist nun unaufschiebbar. Benjamin will über Spanien und Portugal nach New York reisen. Das Institut für Sozialforschung hat ihm in Aussicht gestellt, in New York als offizieller Gast des Instituts zu gastieren. Am Abend des 26. September gelangt er mit einer Flüchtlingsgruppe nach Port Bou, einer kleinen Stadt an der französisch-spanischen Grenze. Die Grenzwächter verweigern Benjamin den Übertritt: Zwar besitzt er dank Adornos Unterstützung ein Visum für die USA, doch fehlt ihm das französische Ausreisevisum. Benjamin steckt buchstäblich fest. Er quartiert sich in einem nahegelegenen Hotel ein und nimmt sich in der Nacht zum 27. September 1940 mit einer Überdosis Morphium das Leben. Die Schriftstücke, die Benjamin auf seiner Flucht mitnehmen wollte, sind verschollen. Heute erinnern in Port Bou ein begehbares Memorial und ein Gedenkstein an Walter Benjamin.

Noch in den 1940er Jahren beginnen das Ehepaar Adorno, Arendt und Scholem mit der Edition seiner Texte. 1955 erscheint eine erste Auswahl an Schriften, 1966 eine Briefedition, ab 1972 folgt schließlich die Gesamtausgabe. 1968 schreibt Arendt eine einflussreiche Einleitung in die erste englischsprachige Übersetzung und stößt die Benjamin-Rezeption in den USA an. Die Herausgebertätigkeiten dieser Jahrzehnte verlaufen in ihrem Kampf um Deutungshoheit ausgesprochen konfliktreich und führen zu intellektuellen Verwerfungen, die in der wissenschaftlichen Aufarbeitung von Benjamins, Adornos und Arendts Denken bis heute spürbar sind. Wie kaum ein anderer Autor des 20. Jahrhunderts muss „Walter Benjamin“ auch als Rezeptionsphänomen verstanden werden, dessen Werk die Möglichkeit seines Verlorengehens im Exil bis heute miterzählt. Benjamin wusste um die Notwendigkeit der nachträglichen Geschichtsschreibung. Die dritte seiner geschichtsphilosophischen Thesen beginnt mit dem Satz:

„Der Chronist, welcher die Ereignisse hererzählt, ohne große und kleine zu unterscheiden, trägt damit der Wahrheit Rechnung, daß nichts, was sich jemals ereignet hat, für die Geschichte verloren zu geben ist.“[4]

––

[1] Arendt an Scholem (21.10.1940), in: Arendt, Hannah, Gershom Scholem: Der Briefwechsel, hg. v. Marie Luise Knott, unter Mitarbeit von David Heredia, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2012, S. 10.
[2] Arendt, Hannah: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, totale Herrschaft [1955; USA 1951], München: Piper 2011, S. 518.
[3]Gretel Adorno an Benjamin (10.02.1935), in: Adorno, Gretel, Walter Benjamin: Briefwechsel 1930–1940, hg. v. Christoph Gödde u. Henri Lonitz, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2005, S. 195.
[4] Walter Benjamin: Zur Kritik der Gewalt und andere Aufsätze. Mit einem Nachwort von Herbert Marcuse, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1965, S. 79.

Literatur

Eiland, Howard, Michael W. Jennings: Walter Benjamin. A Critical Life, Cambridge, Mass.: Belknap 2014.

Lindner, Burkhardt (Hg.): Benjamin-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung, Stuttgart, Weimar: Metzler 2011.

Palmier, Jean-Michel: Walter Benjamin. Lumpensammler, Engel und Bucklicht Männlein. Ästhetik und Politik bei Walter Benjamin, hg. u. mit einem Vorwort versehen von Florent Perrier, aus dem Französischen von Horst Brühmann, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2009.

Schöttker, Detlev: Konstruktiver Fragmentarismus. Form und Rezeption der Schriften Walter Benjamins, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1999.

Schöttker, Detlev, Erdmut Wizisla (Hg.): Arendt und Benjamin. Texte, Briefe, Dokumente, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2006.

Anna-Lena Scholz schreibt als freie Autorin für den "Tagesspiegel" und "Die Zeit".

1 Kommentar

  1. Vielen Dank für diesen Beitrag!
    Benjamins Leben selbst scheint der Logik seiner geschichtsphilosophischen Thesen zu folgen, denn auch er und sein Werk wären beinahe zu einem Teil jener Trümmer geworden, die sich – vergessen und verdrängt – vor den Augen des Engels der Geschichte auftürmen.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.