Der Anarchist und Antimilitarist Ernst Friedrich

Flucht bestimmte bedeutsame Abschnitte im Leben des Anarchisten und Antimilitaristen Ernst Friedrich (* 25. Februar 1894, Breslau; † 2. Mai 1967 Le Perreux-sur-Marne). Vor den Nationalsozialisten floh er durch halb Europa, aus Internierungscamps konnte er sich in letzter Sekunde befreien und während des Ersten Weltkriegs flüchtete der konsequente Kriegsgegner nicht etwa aus einem, sondern in ein Gefängnis.

Friedrich, der seine Buchdruckerlehre abbrach, um sich zum Schauspieler ausbilden zu lassen, gehörte um 1916 der antimilitaristisch-revolutionären Jugend in Breslau an. Um dem Frontdienst zu entgehen, verübte er – nach eigener Aussage – einen Sabotageakt, kam dafür ins Gefängnis und wurde erst im Laufe der Novemberrevolution befreit.1

„Als auch ich auserkoren wurde den Mörderkittel anzuziehen, um gegen meine englischen und französischen Brüder zu kämpfen, als ich mich vor dem staatlich befohlenen Menschenmord nicht länger ‚drücken‘ konnte, da war mir das Gefängnis sympathischer als das Schlachtfeld.“2

Anfang der 1920er Jahre gründete er in Berlin die antimilitaristisch-anarchistische Jugendbewegung „Freie Jugend“, gab mehrere Zeitungen (z. B. „Freie Jugend. Jugendschrift für herrschaftslosen Sozialismus“, „Die Schwarze Fahne“3) und Bücher heraus, betätigte sich als Sprecher und Rezitator und rief 1921 in Berlin die Arbeiter-Kunst-Ausstellung ins Leben, in der unter anderem Ausstellungen von Käthe Kollwitz, Otto Nagel, Hans Baluschek und Paul Eickmeier gezeigt wurden. Bis heute bekannt ist Ernst Friedrich für sein Anti-Kriegsbuch „Krieg dem Kriege“ von 19244 und den Aufbau des Berliner Anti-Kriegsmuseums 1925.

Sein Engagement brachte Friedrich im Laufe der 1920er Jahre viele Prozesse ein, beispielsweise wegen „öffentlicher Beschimpfung der Reichsfarben“ und „Aufreizung zum Klassenkampf“. Nach mehreren Gefängnis- und Geldstrafen wurde er am 14. November 1930 wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu einjähriger Festungshaft verurteilt.

Anfang der 1930er Jahre häuften sich Angriffe von Nationalsozialisten auf Friedrich und das Anti-Kriegsmuseum. Mehrmals verprügelte ihn etwa die SA, die zudem immer wieder die Schaufensterscheiben des Museums einwarf. Aufgrund dieser dramatischen Zuspitzung der Situation brachte Friedrich sein wertvolles Archivmaterial, die Druckstöcke seiner Anti-Kriegsbücher und die fotografischen Platten in Sicherheit, indem er das Material bei Freunden und Bekannten über alle Stadtteile Berlins verteilte.

In der Nacht vom 27. auf den 28. Februar 1933 brannte der Reichstag. Für die nationalsozialistische Regierung war dies willkommene Gelegenheit, qua sogenannter „Reichstagsbrandverordnung“ die Grundrechte außer Kraft zu setzen, was wiederum die rechtliche Grundlage für Massenverhaftungen politischer Gegner war.5 Friedrich wurde verhaftet und kam in sogenannte „Schutzhaft“. Die SA zerstörte das Anti-Kriegsmuseum und nutzte es fortan als SA-Heim, in dem auch politische Gegner gefoltert wurden.

Im September 1933 kam Friedrich vom Gefängnis ins Krankenhaus und stand unter Polizeiaufsicht.

„Meine Entlassung aus der Schutzhafthölle erfolgte unter der Voraussetzung, daß ich ‚keine, wie immer geartete Tätigkeit entfalte, die dem Aufbau des nationalsozialistischen Staates irgendwie hinderlich sein könnte‘. […] Ueber kurz oder lang käme ich wieder in ‚Schutz‘haft. Es blieb mir also nur die Wahl zwischen völliger Selbstaufgabe – oder Aufgabe des Kommisstiefel-Deutschland. Ich mußte, auch zum Schutz meiner Kinder, das freiheitliche Ausland aufsuchen.“6

Nachdem nahezu sein gesamter Besitz zerstört oder beschlagnahmt wurde, er somit seiner Lebensgrundlage beraubt war, sollte Friedrich am 22. Dezember 1933 erneut vor Gericht angeklagt werden. So entschloss er sich am 20. Dezember 1933 mit seiner Frau Charlotte und seinen Kindern zur Flucht in die Tschechoslowakei. Von Prag aus reiste er weiter in die Schweiz, in den Kanton Aargau. 1935 veröffentlichte Friedrich das Buch „Vom Friedensmuseum zur Hitlerkaserne“, in dem er die erfahrene Gewalt in der sogenannten „Schutzhaft“ der Nationalsozialisten beschreibt. Hierauf folgte die Ausweisung aus der Schweiz – mit der Begründung, sein Buch sei eine „Beleidigung eines befreundeten Staatsmannes“ (gemeint war Hitler). Unterdessen konnte Charlotte Friedrich mit Hilfe der religiösen Gemeinschaft der Quäker nach London emigrieren, nachdem sie zuvor im von Quäkern initiierten „Rest Home“-Projekt Schutz fand.7

Ernst Friedrich erhielt Asyl in Belgien und mit Hilfe der belgischen Gewerkschaft und der Sozialistischen Partei Belgiens kam es 1936 zur Eröffnung des 2. Anti-Kriegsmuseums im Gewerkschaftshaus in Brüssel. Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs zerstörten die in Belgien einfallenden deutschen Truppen 1940 auch dieses Anti-Kriegsmuseum. Friedrich selbst wurde zusammen mit seinem Sohn Ernst von den belgischen Behörden nach Frankreich evakuiert. Dort angekommen wurden beide von der Vichy-Regierung zunächst im Lager St. Cyprien, später im Lager von Gurs interniert. Nach eineinhalb Jahren gelang ihnen die Flucht.

Friedrich, der in Abwesenheit in Deutschland zum Tode verurteilt und von der Gestapo gesucht wurde, kam in Kontakt mit einer Gruppierung der französischen Résistance, dem Maquis, in dem überwiegend Antifaschisten und Kommunisten aus Deutschland kämpften.8 Im Departement de Lozère, beim Dorf Barre-des-Cévennes, bewirtschaftete Ernst Friedrich mit seiner zweiten Frau Marthe Saint-Pierre den Bauernhof „La Castelle“.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs siedelte Friedrich nach Paris über und wurde französischer Staatsbürger. Mit seiner kümmerlichen Rente und einer Entschädigungszahlung für die während des Nationalsozialismus erlittenen Gesundheitsschäden kaufte er 1955 ein Grundstück auf einer Marne-Insel. Auf dieser „Ile de la Paix“ gründete er eine Begegnungsstätte für Jugendliche, die im Zeichen der Völkerverständigung stand. Seine pazifistischen Initiativen konnten in der Nachkriegszeit aber nicht mehr die gleiche Aufmerksamkeit wie in den 1920er Jahren hervorrufen. Ernst Friedrich starb 1967 auf seiner „Friedensinsel“.

  1. Vgl.: Ernst Friedrich: Festung Gollnow, 1931, S. 141. []
  2. Ernst Friedrich: „Offener Brief an den Ozean-Flieger“, in: Die Schwarze Fahne 3 (1927) Nr. 20, S. 1. []
  3. Ausgaben der „Schwarzen Fahne“ in der Digitalen Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung: http://library.fes.de/pdf-files/bibliothek/bestand/xx-00457/index.html []
  4. Ernst Friedrich: Krieg dem Kriege, mit einem Vorwort von Gerd Krumeich, Berlin 2015. Zum aktuellen Stand der biografischen Forschung zu Ernst Friedrich siehe den Artikel von Tommy Spree und Patrick Oelze in dieser Neuausgabe. []
  5. Siehe: http://gefluechtet.de/wp/2015/08/04/reichstagsbrandverordung-28-februar-1933/ []
  6. Ernst Friedrich: Vom Friedensmuseum zur Hitlerkaserne. Ein Tatsachenbericht über das Wirken von Ernst Friedrich und Adolf Hitler [1935], Berlin 1978, S. 184. []
  7. Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Rest_Home_Projekt []
  8. Vgl.: Éveline Brès/Yvan Brès: Un Maquis d’ antifascistes allemands en France (1942-1944), Montpellier 1987; Philippe Joutard et al. (Hg.): Cévennes. Terre de Refuge 1940-1944, Montpellier 1994. []

Historiker. Forschungsschwerpunkte: mediale Repräsentationen des Ersten Weltkriegs, kriegskritische Bewegungen in der Weimarer Republik.

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