Carl Einstein (1885–1940)

Mit dem Schreiben über prominente Flüchtlinge nimmt man in Kauf, das Schicksal all der Namenlosen zu vernachlässigen. Dennoch werfen die einzelnen Fluchtbiografien immerhin ein Schlaglicht auf die verlorenen Geschichten der Vielen. Diesen Beitrag widme ich daher Carl Einstein, einem der fast Vergessenen.

Einstein war Zeit- und Schicksalsgenosse Walter Benjamins, zu dem – und das ist symptomatisch – Anna-Lena Scholz bereits etwas bei gefluechtet.de geschrieben hat. Carl Einstein wurde 1885 in Neuwied geboren.[1] Sein Vater war Kantor und jüdischer Religionslehrer. 1888 zog die Familie nach Karlsruhe, wo Einstein das Großherzogliche Gymnasium besuchte und eine Banklehre begann. Aus der „Stadt der Langeweile“[2], bestehend aus Zuchthaus, Schloss und geometrischem Park – wie er es formulierte –[3] träumte sich der Junge mit Hilfe von Karl May, Rimbaud und Wedekind weg. 1903 verließ er sie. In Berlin studierte er Kunstgeschichte, brach das Studium aber ab und bewegte sich stattdessen in Intellektuellen- und Künstlerkreisen.

1912 veröffentlichte er Bebuquin oder die Dilettanten des Wunders. Der als „Anti-Roman“ konzipierte Text nimmt Dada und Surrealismus vorweg. 1915 erschien mit der Negerplastik eine Blickfelderweiterung gegenüber der Ästhetik der sogenannten primitiven Kunst. 1926 brachte Einstein das überaus erfolgreiche Die Kunst des XX. Jahrhunderts heraus. Typischerweise oblag die Kunstgeschichtsschreibung der Gegenwart damals den nicht-akademischen Fachvertretern. Als Kunstkritiker mit spitzer Feder begleitete Einstein den Kubismus, Konstruktivismus und Surrealismus und war eine der prägenden Figuren der deutschen Kunstszene der 1920er Jahre. Mehr noch als bei Benjamin changiert Einsteins Werk zwischen Literatur und Wissenschaft, anders als Benjamin wurde Einstein aber vergessen.

Die Rezeptionsgeschichte Carl Einsteins zeigt den Zynismus der nachträglichen Bewertung von Fluchtmotiven auf.[4] Ähnlich wie bei den Heimatvertriebenen, die aufgrund des bürokratisch vollzogenen Aktes der Ausweisung gegenüber den ‚gemeinen’ Flüchtlingen, welche ‚einfach nur davonliefen’, bis heute mit dem Anschein des Heroischen behaftet sind, wurde auch der Emigrantenstatus postum lange Zeit ungleich bewertet. Einstein verließ Deutschland bereits 1928. Fünf Jahre später, 1933, sollte der Weg zurück vollständig versperrt sein. Aus einer Vermutung war Gewissheit geworden. Seine Notizen dokumentieren eindrucksvoll, wie sich Einsteins Schreiben bedingt durch das Ereignis der „Machtergreifung“ ändert. Zum Unterschied zwischen freiwilligem und erzwungenem Exil ändert, das die Sprache verstummen lässt, notiert Einstein am 18. Februar 1933:

„ich sehe, immer mehr werde ich allein sein. jude, deutschsprechend, in frankreich. jude ohne gott und ohne kenntnis unserer vergangenheit, deutschsprechend, doch gewillt die deutsche sprache nicht wie meine landsleute und gleichzungigen faul und müde versacken zu lassen. in frankreich d i ohne leser. ich werde jetzt jeden tag mich kurz mit mir unterhalten; denn seit langem bin ich von gleichsprachigen menschen und buechern gänzlich abgeschnitten. nie werde ich in französischer dichtung zuhause sein; denn ich träume und sinniere deutsch. Also nun bin ich durch Hitler zu voelliger Heimatlosigkeit und fremdheit verurteilt.“[5]

Wie wir heute wissen, konnte Frankreich bestenfalls temporär als sicherer Ort dienen. Bereits vor der deutschen Invasion im Juni 1940 wurde Einstein aufgrund seiner Nationalität interniert. Seine Flucht endete für den ehemaligen Brigadier im spanischen Bürgerkrieg an der Grenze zum Franco-Regime. Wie Walter Benjamin wählte er nach seiner Entlassung den Freitod in den französischen Pyrenäen. Ob sich die Lebenswege der beiden deutsch-jüdischen Intellektuellen in Paris oder Südfrankreich gekreuzt haben, muss allerdings offenbleiben.

Ein erster Selbstmordversuch scheiterte. Offensichtlich lebensmüde und verzweifelt, beging Einstein wahrscheinlich am 5. Juli Suizid und kam damit seiner ein Jahr zuvor geäußerten Ankündigung gegenüber Daniel-Henry Kahnweiler nach:

„Ich weiß, was passieren wird. Man wird mich internieren, und französische Gendarmen werden uns bewachen. Eines schönen Tages werden es SS-Leute sein. Aber das will ich nicht. Je me foutrai à l’eau. Ich werde mich ins Wasser werfen.“[6]

Prophetisch mutet in dieser Hinsicht auch die Passage aus dem Bebuquin, Einsteins Erstlingswerk, an:

„Man muß den Mut zu seinem privaten Irrsinn haben, seinen Tod zu besitzen und zu vollstrecken.“[7]

Am 7. Juli gab der Gave de Pau Einsteins Leiche nahe der Gemeinde Boeil-Bézing preis. Heuer jährt sich Einsteins Todestag zum 75. Mal, das Erscheinen des epochemachenden Buches Die Negerplastik währt 100 Jahre, allein beim 300. Karlsruher Stadtgeburtstag hat man ihn vergessen.

[1] Zur Biografie siehe: http://www.carleinstein.org/biographie.

[2] „Die Stadt der Langeweile“ heißt das früheste im Nachlass erhaltene Gedicht Einsteins. Wahrscheinlich bezieht sich Einstein auf Karlsruhe. Siehe: Hansgeorg Schmidt-Bergmann, Die Stadt der Langeweile. Carl Einstein und Karlsruhe, in: Spuren 19, November 1992, Umschlagrückseite.

[3] Zitiert nach: ebenda, S. 2.

[4] Klaus H. Kiefer, Einführung, in: Ders. (Hg.), Die visuelle Wende der Moderne. Carl Einsteins Kunst des 20. Jahrhunderts, München, 2003, S. 8f.

[5] Zitiert nach: Schmidt-Bergmann 1992, S. 12.

[6] Zitiert nach: ebenda, S. 15.

[7] Carl Einstein: Bebuquin oder die Dilettanten des Wunders, Frankfurt/Main 1963, S. 49.

Maria Männig ist Kunsthistorikerin und Mitherausgeberin der NEUEN kunstwissenschaftlichen forschungen.

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