Sanary-sur-Mer

Am Mittelmeer lag einmal das Zentrum der deutschsprachigen Literatur. Und es waren Flüchtende wie Lion Feuchtwanger, die den Geist der Literatur mit im Gepäck hatten, als sie hier an die Küste kamen – ans Mittelmeer, das heute Flüchtende in umgekehrter Richtung, nach Norden, zu überwinden versuchen. Wovor sie damals flohen, war weder Krieg noch Hunger, und sie hatten mehr dabei als nur die Kleider am Leib; auf der Flucht waren sie dennoch. Entkommen waren sie Berlin, München und anderen deutschen Städten, später auch aus Österreich. Geflohen waren sie, weil sie zuhause nicht mehr sicher waren, seit die Nazis an der Macht waren. Weil sie Juden waren, Linke, Kommunisten oder Demokraten. Künstlerinnen und Intellektuelle, deren Werke als ‚undeutsch‘ galten. Schriftsteller, denen ihre Muttersprache zwar die Welt bedeutete, die sich das Wort aber nicht nehmen lassen wollten. Es ging um politische und antisemitische Verfolgung, um genau das also, was nach dem Zweiten Weltkrieg das Grundrecht auf Asyl motiviert hat.

Die Mittelmeer-Migranten kamen aus Deutschland und Österreich, und ihre Fluchtgeschichte beginnt 1933, als der Reichstag in Flammen aufging und wenig später Bücher brannten, auch die der nun Flüchtenden. Denn schon mit der „Reichstagsbrandverordnung“ waren wesentliche Grundrechte außer Kraft gesetzt worden1. Viele der Intellektuellen, die sich damals auf den Weg machten, kamen für kurz oder lang in einen kleinen Ort an der Côte d’Azur: nach Sanary-sur-Mer. Mit trotzigem Stolz und etwas Spott bemerkte einer von ihnen, Ludwig Marcuse, Sanary sei damals die „Hauptstadt der deutschen Literatur“ gewesen2. Und in der Tat liest sich die Liste derjenigen, die nach 1933 an die Côte d’Azur kamen, wie ein „Who is who“ der „Weimar Culture“. Seit 1987 erinnert in Sanary-sur-Mer eine Gedenktafel an die früheren – ja, was eigentlich: Gäste? Bewohner? Asylanten?

Gedenktafel für die deutschen und österreichischen Flüchtlinge am Fremdenverkehrsbüro von Sanary-sur-Mer, ursprünglich enthüllt am 18. September 1987, Anima, CC BY-SA 3.0

Gedenktafel für die deutschen und österreichischen Flüchtlinge am Fremdenverkehrsbüro von Sanary-sur-Mer, ursprünglich enthüllt am 18. September 1987, Anima, CC BY-SA 3.0

Die Gedenktafel ist nach Recherchen von Magali Laure Nieradka, die in ihrer literaturgeschichtlichen Dissertation den Migrations- und Erinnerungsort Sanary-sur-Mer ausgemessen hat, zwar nicht ganz verlässlich. Es fehlen etwa der Philosoph Ernst Bloch, der aus dem Elsass stammende Schriftsteller René Schickele oder Ernst Toller, der Dichter-Revolutionär der Münchner Räterepublik. Was jedoch stimmt: Zwischen 1933 und 1942 war Sanary-sur-Mer die „Hauptstadt der deutschen Exilliteratur“3. Denn im südfranzösischen Départment Var lebten damals mehr als 400 politische Flüchtlinge, fast alle von ihnen deutschsprachig, und die meisten wohnten in Sanary-sur-Mer, dessen Nachbarorten Bandol und Saint-Cyr oder in Le Lavandou. Da diese Gemeinden zusammen kaum 10 000 Einwohner zählten, betrug die Flüchtlingsquote aus dem ‚Dritten Reich‘ gut vier Prozent.

Sanary-sur-Mer ist ein altes Fischerdorf, gelegen etwa fünfzig Kilometer östlich von Marseille, mit einem Hafen, ein paar Pensionen und Cafés sowie einer Art Jahrmarkt am Strand. Damals war der kleine Fluchtort nicht so glamourös, wie der Name Côte d’Azur klingt. Zwar wächst guter Wein, und man kann wunderbar baden. Doch der malerischen Kulisse zum Trotz und obwohl die ‚Dichterfürsten‘ im Hotel wohnten, waren die Umstände des erzwungenen Exils alles andere als romantisch. Nicht nur Bertolt Brecht, der für ein paar Wochen blieb, verfluchte die „scheußliche Ansichtspostkartenlandschaft“4.

Der Hafen von Sanary-sur-Mer, September 2012

Der Hafen von Sanary-sur-Mer, September 2012, Foto: privat

An der Côte d’Azur „ging es den Exilanten besser schlecht als anderswo“, konstatiert auch die Germanistin Nieradka5, und sie benennt die düsteren Umstände: Da waren die ungewisse Zukunft, der Verlust der deutschen Staatsbürgerschaft und finanzielle Engpässe. Es bedrückte die Sorge um daheim gebliebene Freunde und Angehörige. Hinzu kam der Argwohn der Einheimischen, die den Namen des Ortes mehrfach spöttisch abwandelten: in „Sanary-les-Allemands“, dann in „Sanary-les-Juifs“, kurz vor Ausbruch des Krieges in „Sanary-les-Boches“. Die Furcht vor Spionen und deutschen ‚Schläfern‘ ging um, zumal der französische Marinestützpunkt Toulon gleich um die Ecke liegt.

Auch an der französischen Küste beschäftigten sich die Exilierten vor allem mit Deutschland. Sie diskutierten, schrieben Aufsätze und Bücher. In Sanary-sur-Mer beendete Thomas Mann Kapitel der Reihe „Joseph und seine Brüder“, sein Sohn Klaus schrieb am „Mephisto“ und Lion Feuchtwanger an den „Geschwistern Oppenheim“. Klaus Mann organisierte hier auch „Die Sammlung“, die wichtigste politisch-literarische Zeitschrift des Exils. Mit der Adresse Hôtel de la Tour am Hafen von Sanary schrieb er an Gottfried Benn, der in Berlin als Vorsitzender der Preußischen Akademie der Künste das ‚Dritten Reich‘ mit legitimierte6. Benn antwortete öffentlich, dass die Emigranten in ihren französischen Badeorten nicht länger mitreden könnten, wenn es um die Entwicklung in Deutschland gehe – ein weiterer Schritt der Ausgrenzung.

In Sanary-sur-Mer fanden mehr als fünfzig vor den Nazis geflohene Künstlerinnen und Intellektuelle ein Asyl. Hier warteten sie ab, wie sich die Dinge im Reich entwickeln würden. Einige blieben nur einen Sommer wie Thomas Mann, andere mehrere Jahre wie Feuchtwanger, der von 1933 bis 1940 in Sanary lebte, oder Franz Werfel und seine Frau Alma Mahler. Die Verbliebenen machten sich 1940 erneut auf die Flucht, als die Wehrmacht Frankreich besetzte. Nun wurde der Hafen von Marseille ein überlebenswichtiger Fluchtort, ein Schlupfwinkel, um der Verfolgung im deutschen Machtbereich noch zu entkommen, nach Nordafrika, Portugal, Lateinamerika oder in die USA. Marseille, das Warten auf das Visum und die rettende Schiffspassage hat Anna Seghers in ihrem im Exil verfassten Roman „Transit“ beschrieben:

„Damals hatten alle nur einen einzigen Wunsch: abfahren. Alle hatten nur eine einzige Furcht: zurückbleiben. Fort, nur fort aus diesem zusammengebrochenen Land, fort aus diesem zusammengebrochenen Leben, fort von diesem Stern! – So lange hören ihnen die Menschen gierig zu, wie sie von Abfahrten sprechen, von beschlagnahmten und nie angekommenen Schiffen, von gekauften und von gefälschten Visen und von neuen Transitländern“7.

Einigen Exilanten gelang die weitere Flucht nicht mehr. Der Journalist Theodor Wolff etwa wurde in Nizza verhaftet und der Gestapo übergeben. Zuvor aber war Sanary-sur-Mer für viele deutschsprachige Flüchtlinge ein Asyl, eine „adoptierte Heimat“ am Mittelmeer8.

  1. http://gefluechtet.de/wp/2015/08/04/reichstagsbrandverordung-28-februar-1933/ []
  2. Ludwig Marcuse, Mein zwanzigstes Jahrhundert. Auf dem Weg zu einer Autobiographie, München 1960, S. 179 []
  3. Magali Laure Nieradka: „Die Hauptstadt der deutschen Literatur“. Sanary-sur-Mer als Ort des Exils deutschsprachiger Schriftsteller, Göttingen 2010, S. 13 []
  4. Nieradka: Hauptstadt, S. 80 []
  5. Nieradka: Hauptstadt, S. 67 []
  6. http://kuenste-im-exil.de/KIE/Content/DE/Objekte/mann-klaus-briefwechsel-mit-gottfried-benn.html?single=1 []
  7. Anna Seghers, Transit, in: Gesammelte Werke, Band 5, Berlin (Ost) 1954, S. 133 []
  8. Marcuse: Jahrhundert, S. 181 []

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Historiker in Berlin. Studierte in Bonn. Geboren in Düsseldorf.

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